Herdenschutz auf Deichen

Herdenschutz auf Deichen

Herdenschutz auf Deichen

Eine Frage des politischen Willens

Der Inhaber des WOLFCENTER Dörverden in Niedersachsen, Frank Fass, Autor und Herausgeber des Buches „Wildlebende Wölfe“ beleuchtet in einer neuen monatlichen Serie rund um das Thema Koexistenz mit dem Wolf die kontroversen Facetten seiner Arbeit. Es geht dabei um die fachliche Einordnung einer häufig emotional geführten Debatte. Aspekte wie Gesellschaft, Politik, Ängste, EU-Gesetze, Quoten, Herdenschutzanlagen, Agrarverordnungen werden erörtert.

Im fünften Interview der Serie zum Thema „Koexistenz mit dem Wolf“ geht es um effektiven Herdenschutz auf den Deichen Nordwestdeutschlands. Mit welchen Mitteln im Rahmen des gesetzlichen Regelwerks Schäfer ihre Herden auf Binnen- wie auf Nordseedeichen rundum schützen können erläutert Frank Fass. Die Fragen stellt die Publizistin Connie Voigt.

Voigt: Es lässt sich in der norddeutschen Region häufig vernehmen, dass Schafherden besonders auf Deichen Wolfsangriffen schutzlos ausgeliefert sind. Gibt es dafür eine realistische Erklärung?

Fass: Ich habe den Eindruck, dass der Deich als wichtiger Hochwasserschutzbau und Weidefläche bei manchen als Vorwand genommen wird, Ängste in der Bevölkerung zu schüren und die Stimmung gegen Wölfe aufzuheizen. Auch höre ich von Forderungen nach Wolfsverbotszonen. Was sind die realen Probleme und was sind die angeführten Probleme? Das möchte ich hier mal genauer betrachten.

Auf welche Faktoren beziehen Sie sich?

Es geht um drei Aspekte:

Erstens, die Entwässerungswirtschaft in Nordwestdeutschland. Bei übermäßigen Niederschlägen wird der Überschuss an Wasser in ein Geflecht von Gräben abgeführt. Diese Gräben münden irgendwann in Kanäle und dann in kleine und später größere Flüsse. Früher oder später gelangen die überschüssigen Wassermengen in die Nordsee.

Zweitens unterscheiden wir Deiche. Wir haben insgesamt eine Länge von ca. 600km Nordseedeich und etwa 400km Binnendeich, von denen fallen etwa 250km auf das Leda-Jümme-Gebiet in Ostfriesland. Und drittens, haben wir unterschiedliche Gewässerkategorien nach Gewässertyp I bis III im Kontext des Hochwasserschutzes und der Binnenschifffahrt.

Inwiefern haben Gewässertypkategorien, Entwässerungssysteme und Binnen- bzw. Nordseedeich-Abschnitte Relevanz für das Thema Herdenschutz auf Deichen?

Nehmen wir für Binnendeiche exemplarisch die Region um Dörverden im Landkreis Verden mit den Flüssen Weser und Aller zur Veranschaulichung. Beide Flüsse führen Wasser ab. Die Aller mündet bei Verden in die Weser und die Weser in die Nordsee. Die Aller als Kategorie II-Gewässer ist beiderseits von Deichen umgeben, die allerdings im Abstand zum Fluss variieren. Dadurch entsteht von Zeit zu Zeit ein Überschwemmungsgebiet zwischen Fluss und Deichabschnitt. Hier erlaubt man dem Fluss über die Ufer zu treten und Felder unter Wasser zu setzen, das dann sukzessive wieder abfließt. Um einer Unterspülung standzuhalten, müssen Deiche regelmäßig durch Schafe festgetreten werden. Jahr für Jahr haben die Schafe in den Sommermonaten im Win-Win-Prinzip die Aufgabe den Deich abzugrasen und damit ganz natürlich festzutreten, wobei die Grassohle bei jedem Auftreten fester wird. Zum Schutz der Schafe setzen Schäfer mobile Elektrolitzen- oder Elektronetzzäune ein, die sie nach Bedarf zum weiteren Abgrasen im nächsten Deichabschnitt umstellen können. Alle vier Seiten jeden Deichabschnitts werden eingezäunt, so dass die Schafe gezielt auf dem jeweiligen Deichabschnitt bleiben. Diese Hüte-Methode ist im Land Niedersachsen zudem eine anerkannte wolfsabweisende Schutzmaßnahme.

Gelten diese Schutzmaßnahmen auch für die Binnendeiche an der größeren Weser?

Bei der Weser als Kategorie I-Gewässer haben Schäfer an den Stellen ein großes Problem, wo keine Überschwemmungsgebiete vorgelagert sind. An den Stellen, wo die Weser direkt an dem Deich vorbeifließt, dürfen die Schäfer keine Elektronetzzäune direkt am Flussufer entlang spannen, denn der Wasserpegel der Weser kann relativ schnell dynamisch steigen. Ein solcher mobiler Zaun würde bei Hochwasser direkt von den Wasserströmen in den Fluss weggerissen werden und mit großer Wahrscheinlichkeit früher oder später in der Schraube eines Binnenschiffs oder in den Sieben von Schöpfwerken großen Schaden anrichten. Den Deichschäfern der Weserregion bleibt somit gesetzlich nur eine dreiseitige Einzäunung als Option, was die Schafe zwar zusammenhält und hütet, sie aber nicht vor potenziellen Wolfsübergriffen schützt, weil Wölfe wie Hunde gute Schwimmer sind. Bleibt also die Frage wie auch Ufer-nah eingezäunt werden darf. In einem Gespräch mit dem Schifffahrtsamt schlug man vor ein Forschungsprojekt zu initiieren.

Was steht hinter dem Projektvorschlag?

Man denkt über die dauerhafte Befestigung von stabilen Zaunpfosten entlang der Flussufer-Befestigung des Weserdeiches nach um die man bei Niedrigwasser einmalig Stahldrähte spannt und bei steigendem Pegel nicht mehr entfernen müsste. Dieser Vorschlag liegt seit 2018 in der Schublade, ist bereits veröffentlicht worden, ohne dass ein Verantwortlicher den Plan mal probeweise umsetzt. Diese Einzäunungsmethode würde es den Schafhaltern sehr viel einfacher machen und berechtigte Ängste nehmen.

Wie ist die Sachlage des Schafherdenschutzes an den Nordseedeichen?

Wir haben an den Deichen an der Nordseeküste variierende Bauinfrastruktur zu berücksichtigen mit verschiedenen Straßenführungen unterschiedener Distanz zum Deich sowie dem Meer zugewandt oder abgewandt. Das heißt die Platzierung von Weidetoren wird je nach Situation angepasst. Das Halten von Schafen mit dem natürlichen Festtreten für eine kontinuierliche Deichfestigkeit trägt maßgeblich zum Hochwasserschutz an der Nordsee bei. Maschinen könnten nicht so effektiv wie Schafe den Deichboden festigen. Das Problem ist jedoch, dass wir für Fußgänger Schwingtore, Weideroste und Übersteighilfen haben, die jeweils die Schafe davon abhalten den Deich zu verlassen.

Würden Wölfe Weideroste nicht auch meiden?

Es gibt bislang keine zuverlässigen Daten darüber ob Wölfe Weideroste überwinden. Wir haben hier im Wolfcenter einen Versuch mit unseren Wölfen gemacht wobei sich herausstellte, dass keiner von ihnen über diese Roste lief. Repräsentativ ist dieser Versuch aber nicht. Diese Methode sollte man für mehr Sicherheit öfters prüfen. Man kann aber auf jeden Fall von einem minimierten Risiko ausgehen. Schließlich geht es bei allen Herdenschutzmaßnahmen um die Reduktion von Übergriffwahrscheinlichkeiten. Eine in Deutschland so oft geforderte 100-prozentige Sicherheit wird bei allen Maßnahmen immer eine Illusion bleiben. Und mit diesem minimalen Restrisiko wird immer wieder von Wolfsgegnern politisierend Stimmung gemacht, anstatt sich die Optionen zum Übergriffschutz genauer anzuschauen und umzusetzen.

Mit welchen Methoden können Schafe auf den Nordseedeichen optimal geschützt werden?

Auf den Nordseedeichen werden die Schafe üblicherweise mit einem ca. 90-100cm Metallgeflecht-Knotenzaun eingezäunt. Sinnvoll wäre in vielen Deichabschnitten beispielsweise der zusätzliche, aber mobile und zeitlich begrenzte, Einsatz eines Elektronetzes, aber dann würden Deichbesucher abschnittsweise unten an der Straße entlang gehen müssen, was man den Gästen aber nicht zumuten möchte. Leider verharren Menschen oft in ihrer gewohnten Bequemlichkeit Bestehendes nicht ändern zu wollen. Vor nicht langer Zeit habe ich den Deichschutzverantwortlichen in Krummhörn bei Aurich in Ostfriesland beraten, der sich offen zeigte für Anpassungen trotz notwendiger Investitionen. Für solche Investitionen hat meiner Ansicht nach der Staat einzustehen. Schließlich geht es hier um unseren Küstenschutz. Und wenn Schafe erwiesenermaßen die besten Deichpfleger sind, dann sollte uns Deichschutz und Herdenschutz ein paar Millionen Euro Wert sein. Trotz dieser geschlossenen Logik fehlt den Entscheidern der Wille zum agieren. Oder vielleicht fehlen auch Leute an den Entscheider-Positionen, die anpacken und Probleme aktiv lösen wollen. Passivität schiebt nur Herausforderungen auf und hinterlässt Raum für haltlose Emotionen der von Demagogen zweckentfremdet gefüllt wird.

Läuft uns bei der demagogischen Rhetorik nicht die Zeit für konkrete Lösungen davon?

Das Bundesamt für Naturschutz BFN in Bonn wird demnächst eine Studie zum Deichherdenschutz veröffentlichen in der es genau um diese Problematik geht. Technisch betrachtet ist die Einrichtung von optimalem Schutz kein Hexenwerk, auch wenn es hier und da knifflige Situationen gibt, für die eine Lösung noch aussteht. Dennoch ist immer eine Lösung zu finden. An den Deichabschnitten, wo die Schäfer heute schon mit vierseitigem Elektronetz arbeiten, wird kein zusätzlicher Aufwand entstehen. Übrigens waren diese E-Netze auch in der Wolfsfreien Zeit vor der deutschen Wiedervereinigung schon lange Jahre für die Schafhaltung im Einsatz. Neu entstehende Kosten sollten nicht zu Lasten der Schäfer gehen, wenn sich diese um die Sicherheit ihrer Herden und um die Instandhaltung unserer Deiche kümmern. Hier hat der Staat voll und ganz die Verantwortung zu tragen; letztlich geht der Hochwasserschutz unser aller Sicherheit an.

Nimmt der Staat dementsprechend die Deichschäfer für die aktive Instandhaltung der Deiche in irgendeiner Weise in die Verpflichtung?

An der Niedersächsischen Küste haben wir 23 Hauptdeichverbände, mit denen Schäfer je in ihrer Region Verträge haben. Diese Verträge garantieren den Schäfern ein Deichweideterrain. Allerdings können Schäfer diese Verträge jederzeit kündigen sollten ihnen die Konditionen nicht mehr passen. Wenn beispielsweise die Verluste von Schafen aufgrund von Wolfrissen zu hoch werden, hat jeder Schäfer das Recht sein Terrain zu verlassen und den Vertrag einseitig zu beenden. Land und Bund stehen also vor der Entscheidung, die Schäfer mit Finanzierung für notwendigen Herdenschutzmaßnahmen zu unterstützen oder beim Geld für den effektiven Deichschutz zu sparen.

Gäbe es die Option im Abstand zu den Deichen wolfsfreie Zonen einzurichten?

Diese Idee wurde von mir bereits im Jahre 2012 angeregt. Sie ist aber auf EU-rechtlicher Basis nicht durchsetzbar. Insofern sind aktuelle Forderungen nach Wolfsverbotszonen in der niedersächsischen Nordseeküstenregion nicht realistisch. Wir brauchen deshalb fachliche Lösungen.