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Pressemitteilung vom 28.04.2023: Wolf und Hund: eine facettenreiche Beziehung

Im vierten Interview der Serie zum Thema „Koexistenz mit dem Wolf“ geht es um die Rolle von Herdenschutzhunden im Kontext effektiven Wolfsschutzes. Seit Beginn des Jahres mehren sich Medienberichte über gesichtete Wölfe und über den Effekt unzureichender oder fehlender Herdenschutzmaßnahmen. Was der Einsatz von gezielt gezüchteten Hunden für Herdenschutz bewirkt, erläutert der ausgebildete Hundetrainer und Inhaber des Wolfcenter Dörverden in Niedersachsen Frank Fass. Die Fragen stellt die Publizistin Connie Voigt.

 Voigt: Inwieweit sind Hunde mit Wölfen verwandt?

Fass: Gemäß wissenschaftlicher Erkenntnis ist der Wolf der Stammvater aller Hunde egal welcher Rasse. Der Wolf trägt eine genetische Variabilität in sich, auch wenn unsere heimischen Grauwölfe seit über hundert Jahren gleich aussehen. Wenn die Lebensbedingungen gleich bleiben variieren die Gene nicht sichtbar. Zu einer Bindung an die Menschen kam es vermutlich bereits vor tausenden von Jahren durch Anfütterung, Habituierung oder Adoption von Welpen. Wissenschaftliche Belege liegen dafür allerdings nicht vor. Ein Urhundetyp entwickelte sich mit der Nähe zu Menschen, die später den Nutzen als Wachhund oder für die Jagd gesehen haben könnten. Neuere archäologische Funde lassen auf eine 33’000 Jahre lange Entwicklung zu den zahlreichen unterschiedlichen Hunderassen von heute schließen.

 Wie stehen Hunde und Wölfe im Kräfteverhältnis zueinander?

Wenn wir uns die Entwicklungsgeschichte der Hunde vorstellen, müssen wir davon ausgehen, dass Menschen damals Hundetypen züchteten, die sich gegen ihren eigenen Stammvater stellten. Der Mensch hat es geschafft Verhaltensweisen und genetische Anlagen mancher Hunderassen derart zu modifizieren, dass sie zwecks Bejagung und sogar Tötung gezielt ihre Stammväter als Gegner betrachten. Ein Wolfsrudel zieht sich zurück, wenn eine Meute Hunde auf sie zukommt. Wenn aber ein Chihuahua allein durch den Wald spazieren geht kann es sein, dass sie ihn nie wieder sehen.

Kreuzen sich Hund und Wolf?

International vernetzt arbeitende Verhaltensforscher erstellten ein Ethnogramm zur Katalogisierung von zig Verhaltensweisen die ein Wolf zeigen kann. Die einzelnen Kategorien nennen die Forscher Funktionskreise wie den Stoffwechselbedingten Funktionskreis, Funktionskreis Schutz und Verteidigung, Ruhe und Schlaf, Sozialverhalten etc. Anhand dieser Funktionen kann man der möglichen Motivation nachgehen weshalb sich ein Wolf einem Hund nähert. Es gab beispielsweise Fälle einer Sex-interessierten Wolfsfähe die sich zwecks Fortpflanzung einen Haushund-Rüden angedeihen lassen hat.

Über welche Eigenschaften sollte ein Herdenschutzhund verfügen?

Ein Welpe oder ein Junghund sollte eine genetische Disposition zum Willen der Verteidigung haben. Der ideale Herdenschutzhund wächst während seiner Sozialisierungsphase unter Schafen auf und bekommt damit ein natürliches Gefühl der Zugehörigkeit zur Herde. Im Zuge seiner Pubertät entwickelt er sich mit der Disposition des Verteidigungswillens quasi zum Türsteher seiner Herde. Er entscheidet wer sich seinen Schafen – also seiner Familie – nähern darf. Diese angeborene Disposition muss von früh an mit regelmäßigem Training flankiert werden. Zentral bei der Ausbildung eines Herdenschutzhundes ist die so genannte mentale Erreichbarkeit, die es dem Schäfer später auf dem Feld ermöglicht einerseits effektive Kommandos geben zu können und andererseits dem Hund die eigen-initiativ aktive Schützer-Rolle zu übertragen. Ideal ist also immer auch eine enge Bindung zwischen Hund und Schäfer.

Würde ein gut trainierter Herdenschutzhund der an Schafe gewöhnt ist auch eine Kuh-Herde gut verteidigen?

Hunde mit ausgeprägt territorial motivierter Aggression können das. Ich habe einen von einem Fall in Brandenburg gesehen wo Schafherdenschutzhunde zum Schutz für Damwild in einem Damwild-Gehege eingesetzt wurden. Man beobachtete bei den Hunden kein Interesse an dem Wild. Die beiden Spezies koexistierten ohne sich gegenseitig zu stören. Sobald sich jedoch ein Wolf näherte verteidigten die Hunde aggressiv primär ihr neues eigenes Territorium, der Schutz des Damwilds wurde damit zur positiven Nebenerscheinung.

Welche Hunderassen eignen sich ideal als Herdenschutzhund?

Hier in Niedersachsen setzen wir oft den Pyrenäenberghund ein oder den Türkischen Kangal.

Wie kann man Hunde vor Wolfsangriffen schützen?

In Gebieten Osteuropas mit weitflächigen Schafsherden setzt man den Hunden teilweise spezielle Stahlhalsbänder mit nach außen gerichteten Stahlstacheln an, zum Schutz vor Wölfen und auch vor möglichen Angriffen von Bären. In russischen Regionen kupiert man den Hunden zudem die Ohren um weitere Angriffsmöglichkeit zum Festbeißen zu reduzieren. In Deutschland ist diese Praxis aus meiner Sicht eher unnötig da man Herdenschutzzäune hat.

Würden diese Stahlstachelhalsbänder für Hundehalter Sinn machen die gerne in Wäldern laufen?

Nein. Hunde müssen sich abrufen lassen können, was meiner Meinung nach verpflichtend ist. Hunde die an der Leine geführt werden, sind durch den Schutz des Menschen, den der Wolf normalerweise meidet, sowieso nicht in Gefahr. Es obliegt den Hundehaltern ihre Hunde auf den Wegen zu halten, alles andere kann auch als Hetzjagd auf Wildtiere wie Hasen oder Rehe verstanden werden, zu deren natürlichem Lebensraum der Wald und die Feldflur zählt.

Was kostet das Halten eines Herdenschutzhundes inklusive aller wiederkehrenden Kosten pro Jahr?

Wir haben einmalige Kosten von ein paar tausend Euro für die Anschaffung des Tieres, dazu die regelmäßigen Futterkosten, die Haftpflichtversicherung, Tierarztkosten für Impfungen, Wurmbehandlungen und sonstige Krankheiten – geschätzt sind das zusammen 600-800 Euro. Wenn Schäfer im Erwerbsbereich beispielsweise 6 Herden haben bräuchten sie theoretisch 18 Herdenschutzhunde. Diese Berufsgruppe der Schäfer braucht meiner Ansicht nach dringend finanzielle Unterstützung seitens der Länder. Bisher wird nur die Anschaffung bezuschusst aber seitdem sind die Anschaffungspreise in die Höhe geschossen. Die Berufsschäfer bevorzugen deshalb die finanzielle Unterstützung für ihre laufenden Kosten. Manchmal gibt es Projekte in Wolfsschutzvereinen die lokal Schäfer unterstützt haben aber wir brauchen eine systematische Lösung und die kann nur vom Staat kommen.

Welches Verhalten eines Herdenschutzhundes ist ungünstig zur Abschreckung von Wölfen?

Menschlich formuliert schadet eine gewisse Coolness nicht. Wenn sich aber Gefahr von außen nähert, sollte sich der Hund imponierend zeigen, Ohren nach vorne gerichtet, Schwanz aufgestellt, Körper angespannt und er bellt dabei, denn Wölfe meiden meistens diesen Konflikt. Sobald sich der Wolf entfernt hat, sollte sich der Hund auch schnell wieder beruhigen. Hört der Hund nicht auf zu bellen obwohl der Wolf seit 15 Minuten nicht mehr in Sichtweite ist wäre das eher ein unerwünschtes Verhalten, weil es dann auch eine Lärmbelästigung darstellt sofern eine Schafherde in Ortsnähe grast. Wenn Hunde eine Herde auf Deichen schützen kann es passieren, dass sich einzelne Hunde eine Grube graben, um es sich gemütlich zu machen und sich vor Wind zu schützen. In dem Fall muss man evaluieren ob der Hund tatsächlich weiterhin am Deich einsetzbar ist.

Gibt es rechtliche Vorgaben beim Halten von Herdenschutzhunden?

Es ist nicht zulässig Herdenschutzhunde zu einer Schafherdeherde zu stellen ohne parallel auch alle Nutztiere dabei wolfsabweisend einzuzäunen. Ich setzte mich für eine einfachere Einzäunung der Herden mit Hunden ein, um des den Schäfern leichter zu machen. Selbstverständlich darf dann jedoch kein fremder Hund auf die Weide kommen. Das würden gute Herdenschutzhunde nicht tolerieren, weil sie ja schließlich auch keine Wölfe auf der Weide an der Herde dulden sollen.

In unserer fünften dieser monatlichen Interviewfolge wird Herdenschutz auf Deichen betrachtet.